Monday, 3 October 2016

Läßt sich Literatur in Gattungen einklammern, oder nicht?

Laut www.duden.de können wir „Gattung“ als eine „Gesamtheit von [Arten von] Dingen, Einzelwesen, Formen, die in wesentlichen Eigenschaften übereinstimmen“ definieren.  Relevant hier ist das nachfolgende Beispiel: „die schöne Literatur gliedert sich in die drei Gattungen Lyrik, Epik und Dramatik“. Ein solches Gattungssystem kann ich relativ anstandslos akzeptieren, da die Unterschiede zwischen diese drei Formen normalerweise deutlich, unumstritten und unmissverständlich sind. Diese klassische Dreiteilung stammt von Aristoteles und dessen Poetik, war aber auch bei Johann Wolfgang von Goethe und anderen Dichtern und Denkern besonders beliebt, und trotz jahrhundertelanger Auseinandersetzungen bleibt sie immer noch gebräuchlich. Allmählich ist es nur etwas komplizierter geworden (sollten wir vielleicht eine vierte Kategorie einführen, die „Sachliteratur“ genannt wird?), aber trotzdem ist diese Dreiteilung im rein literarischen Bereich nützlich.
Wie schon gesagt habe ich wenige Probleme mit einem solchen System. Nehmen wir zum Beispiel Liebeslied, mein Lieblingsgedicht Rainer Maria Rilkes. Lesen wir Gedichtzeilen wie „Auf welches Instrument sind wir gespannt?/Und welcher Geiger hat uns in der Hand?/O süßes Lied“, und hier zeigt es sich, dass wir ein Gedicht lesen; es gibt keinen Dialog, keinen Monolog, keine Prosa, keine Erzählung. Es gibt nur Lyrik, nur poetische Bilder, nur Dichtung in Versform. Oder nehmen wir als Beispiel der „Epik“ das Nibelungenlied, wo wir lesen: „Ez wuohs in Burgonden/ein vil edel magedîn,/daz in allen landen/niht schoeners möhte sîn“. Mit diesen Worten beginnt der Erzähler seine Geschichte; er legt viel Wert auf die Musikalität der Worte, auf den Redefluss; und vor allem wird der Text selbst nicht in unterschiedlichen Rollen verteilt. Solche Texte wurden direkt für die Bühne nicht geschrieben, können aber vielfältige Formen annehmen: Roman, Epos, Autobiographie, Saga, Erzählung, Novelle, Kurzgeschichte, Märchen, Saga, Legende, oder Fabel. Deswegen ist „Epik“ eine besonders breite Gattung, da es sowohl das Nibelungenlied als auch Stefan Zweigs Kurzgeschichte Episode am Genfer See oder Charlotte Brontës Jane Eyre umfasst. Zuletzt haben wir als Beispiel eines Dramas Dantons Tod, im Jahr 1832 von Georg Büchner geschrieben, und wie erwartet finden wir Szenen, Akte, und Regieanweisungen. Der Text wird auf unterschiedlichen Rollen verteilt, weil der Dramatiker beabsichtigt habe, dass das Theaterstück auf einer Bühne erstaufgeführt wird.
Diese drei Formen von Gattungen sind offensichtlich unentbehrlich. Wie könnten Literaturwissenschaftler ohne diese klassische Dreiteilung von Lyrik, Dramatik, Epik zwischen einem vierzeiligen Gedicht und einem tausendseitigen Roman unterscheiden? Diese sind genauso verschieden voneinander wie die drei Grundfarben[1], und wir können kein Gespräch über sie wirklich beginnen, ohne die entsprechenden und nützlichen Begriffe zu verwenden. Ein solches System klammert Literatur nicht ein, sondern es erweitert unser Literaturverständnis.
Allerdings sind die weiteren Unterteilungen (wie Komödie, Tragödie, Liebesromane, historischer Romane, Fantasy, Science-Fiction-Literatur, Schelmenromane, und bürgerliche Trauerspiele)  etwas umstrittener. In manchen Fällen bin ich mit der ursprünglichen Aussage einverstanden, dass Literatur sich nicht in solchem Gattungen einzuklammern lässt. Diese Kategorien können manchmal zu einem besseren Literaturverständnis führen, aber häufig sind sie auch Hindernisse. Literaturwissenschaftler können sich eigentlich nicht auf die Gattungseinteilungen von Shakespeares Dramen einigen, geschweige denn Gattungen für den ganzen literarischen Kanon.
Shakespeares Dramen sind ein klassisches Beispiel für die gerade genannte Kontroverse. In manchen Fällen sind die Gattungen ganz leicht zu identifizieren: man hört fast nie, dass Viel Lärm um nichts oder Ein Sommernachtstraum keine Komödien seien, dass wir Othello, König Lear, Macbeth oder Hamlet, Prinz von Dänemark als nicht Tragödien bezeichnen dürfen, oder dass König Henrich der Sechste, Teil II etwas anderes als ein Historiendrama sei. Auf der anderen Seite schrieb Shakespeare viele Stücke, die sich nicht so leicht kategorisieren lassen; die erste vier Akte von Cymbeline sind tragisch, anschaulich, und blutig... aber das Theaterstück hörte mit einem glücklichen Ende auf (Hochzeiten, Wiedersehen, Versöhnung). Ist Cymbeline dann eine Tragödie oder eine Komödie, oder, wie einige behaupten, eine Romanze? Ist Der Sturm, Shakespeares letztes Theaterstück, eine Romanze oder reine Fantasie? Und was für eine Gruppe bilden überhaupt die sogenannten „Problemstücke“? Wenn man dann im Theater sitzt sind diese wissenschaftliche Fragen von minimaler Bedeutung, aber diese schwer kategorisierbaren Dramen bereiten Experten immer noch Kopfschmerzen.
Dieses Problem ist nicht nur auf die Dramen Shakespeares beschränkt. Wie sollen wir die Novellen von E. T. A. Hoffmann oder Franz Kafka kategorisieren? Der Sandmann und Die Verwandlung sind vielleicht die besten zwei Beispiele. Der Sandmann ist in der Tradition des Kunstmärchens geschrieben, fast wie eine Volksballade, wird aber wie ein Schauerroman erzählt, und doch spielt die Novelle mit unserer Wahrnehmung von Wahrheit. Die Verwandlung ist stilistisch eine Mischung aus Realismus, Märchen und Horror-Genre, mit dem Ergebnis, dass die Novelle manchmal als ein „Anti-Märchen“[2] bezeichnet wird. Das Merkwürdigste, was in diesen Novellen heraussticht, ist genau dieser Widerspruch, diese ungewöhnliche Mischung, dieses überraschende Nebeneinander von unterschiedlichen Genres. Das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Wenn Hoffmann oder Kafka in einem konservativeren und konventionelleren Stil geschrieben hätten, wären diese zwei Novellen sicherlich nicht ansatzweise so effektiv, so unterhaltsam, so beeindruckend.
Dies soll nicht heißen, dass die Idee von Gattungen generell völlig irrelevant sei. Ich will gern zugeben, dass Begriffe wie Liebesroman oder Jugendroman oft recht hilfreich sind; wenn man zum Beispiel in einer Buchhandlung steht, und sich entscheiden muss, was für ein Weihnachtsgeschenk man für die Oma zu kaufen soll, aber weiß, dass sie sich nur für Gartenbücher und Krimis interessiert, spart das nach Gattungen aufgeteilte Regalsystem selbstverständlich Zeit und Mühe. Aber hoffentlich konnte ich zeigen, dass es eine Einschränkung ist, zu viel Wert auf Gattungen zu legen. Solche Systeme existieren als Hilfe, stellen allerdings manchmal ein Hindernis dar. Die Vielfalt und der Reichtum der Literatur hat doch mehr mit seiner Flexibilität zu tun, als mit seinen klaren Kategorien.

In English:

According to www.duden.de (online German dictionary) we can define 'genre' as an "aggregate of types of things, individuals and forms, whose fundamental characteristics are in line with one another". Relevant here, though, is the following usage: "beautiful literature divides itself up into the three genres of lyric, epic and dramatic." I can accept such a genre system without too much fuss, since the differences between these three forms are normally clear, uncontroversial and unambiguous. This classic three-way division goes back to Aristotle's Poetics, but it was also extremely popular with Johann Wolfgang von Goethe and other poets and thinkers, and despite centuries of debate it is still in use. Gradually it has become somewhat more complicated (should we perhaps introduce a fourth category, which we could call "non-fiction"?) but nevertheless this three-way division is useful in the purely literary sphere.
As I say, I have few problems with such a system. Let's take for an example Love-Song, my favourite poem of Rainer Maria Rilke's. Let us read lines like „Auf welches Instrument sind wir gespannt?/Und welcher Geiger hat uns in der Hand?/O süßes Lied“, and here we can clearly see that we are reading a poem; there is no dialogue, no monologue, no prose, no narration. There is only lyric, only poetic images, only poetry in verse form. Or we could take as an example of the epic the Song of the Nibelungs, where we read: „Ez wuohs in Burgonden/ein vil edel magedîn,/daz in allen landen/niht schoeners möhte sîn“. It is with these words that the narrator begins his story; he lays great emphasis on the musicality of the words, on the flow of speech; and most importantly of all the text itself is not divided up into different roles. Such texts are not written directly for the stage, but can take various forms: novels, epics, autobiographies, sagas, stories, novellas, short stories, fairytales, legends, fables, and so on. Thus "epic" is a particularly broad genre, since it encompasses both the Song of the Nibelungs as well as Stefan Zweig's short story Incident on Lake Geneva and Charlotte Brontë's Jane Eyre. Our last example, in this case a drama, is Danton's Death, written by Georg Büchner in 1832, and as expected we find scenes, acts, stage directions, etc. The text is divided up into different roles, because the dramatist intended that this play would premiere on the stage.
These three types of genre are obviously indispensable. How could literary scholars distinguish between a four-line poem and a thousand-page novel without this classical three-way division of lyric, epic, and dramatic? They are just as different from one another as the three primary colours, and we couldn't really begin a conversation about them without using the corresponding useful terms. Such a system doesn't split literature off into brackets, rather it broadens our understanding of what literature is.
The further divisions (comedy, tragedy, romance, historical novels, fantasy, sci-fi, picaresques, bourgeois tragedies, etc). are somewhat more controversial. In some cases I agree with the original premise - that is to say that literature does not allow itself to be easily split off into such brackets. These categories can sometimes lead to a better understanding of literature, but they are also frequently a hindrance. Literature scholars can't even reach a consensus about the genres of Shakespeare's plays, let alone the whole literary canon.
Shakespeare's plays are a classic example for the aforementioned controversy. In some cases the genre is quite easy to identify: you basically never hear that Much Ado About Nothing or A Midsummer Night's Dream aren't comedies, or that we ought not to refer to Hamlet, Othello, King Lear or Macbeth as tragedies, or that King Henry IV Part II should be classed as anything other than a historical drama. But on the other hand Shakespeare wrote various pieces which defy easy categorisation; the first four acts of Cymbeline are tragic, graphic and bloody... but the play ends with a happy ending (weddings, reunions, reconciliations, and so on). Is Cymbeline then a tragedy or a comedy, or, as some claim, a romance? Is The Tempest, his last play, a romance or pure fantasy? And what about the group of so-called "problem plays"? When you're sitting in the theatre such scholarly questions are of minimal importance, but these dramas which are so hard to categorise continue to cause headaches for many experts.
The problem is not just limited to Shakespeare's plays. How should we categorise the novels of E.T.A. Hoffmann or Franz Kafka? The Sandman and The Metamorphosis are perhaps the two best examples. The Sandman is in the tradition of an old fairytale, almost a folk ballad, and yet is told like a Gothic novel, and yet also plays with our perceptions of reality. The Metamorphosis is a stylistic mix of realism, fairytale and horror, with the result that the novel is sometimes described as an "anti-fairytale". The most striking thing about these novellas is exactly this contradiction, this unusual mixture, this surprising juxtaposition of different genres. That's their secret of success. If Hoffmann or Kafka had written in a more conservative and conventional style, these two novels would not have been anywhere near as effective, as entertaining, as powerful.
This is not to say that the entire concept of genres is completely irrelevant. I freely admit that terms like romance or young adult fiction are often pretty helpful; when you're standing there in a bookshop and you have to choose what Christmas present to buy for your granny, but you know that she is only interested in gardening books or crime thrillers, the shelving system that's split up by genres saves you lots of time and effort. But hopefully I have shown that it is a limitation to put too much emphasis on genre. Such systems exist as an aid, yet sometimes present a hindrance. The variety and richness of literature has more to do with its flexibility than its neat categories. 

[1]Vielleicht die einzige Ausnahme wäre Brechts „episches Theater“, weil in solchen Theaterstücken Elemente von Lyrik, Epik, und Dramatik miteinander verflochten werden. Aber es bleibt dabei, dass „episches Theater“ für die Bühne geschrieben wurde, und zusammenfassend lässt sich daraus schließen, dass Stücke wie Die Dreigroschenoper oder Mutter Courage immer noch in die Kategorie Dramatik fallen. / Perhaps the only exception could be Brecht's "epic theatre", because in such plays elements of lyric, epic and dramatic get woven together. But the point stands, that "epic theatre" is written for the stage, and so we can conclude that plays like The Threepenny Opera or Mother Courage still fall under the category of the dramatic.
[2]Corngold, Stanley, The Commentator’s Despair: The Interpretation of Kafka’s Metamorphosis, Port Washington, 1973.

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