Friday, 28 October 2016

Ist es für die Interpretation eines Textes wichtig zu wissen, ob ein Autor männlich oder weiblich ist?


Die Frage, ob man das Geschlecht eines Autors wissen muss, um über sein Buch einen Aufsatz zu schreiben oder nur das Buch auch nur zu rezensieren, geht auf eine andere Frage zurück: schreiben Männer und Frauen unterschiedlich? Natürlich ist diese heikle Frage, deretwegen sich Akademikerinnen und Akademiker, Feministinnen und Feministen seit langem streiten, nicht leicht zu beantworten, vor allem nicht von einem jungen männlichen Studenten, der, ehrlich gesagt, "Gender Studies" niemals richtig studiert hat. Gleichwohl will ich ganz kurz meine Gedanken an diesem Thema ordnen und ausdrücken, wenn auch nur zu meinem eigenen Nutzen.
Wenn es für eine Interpretation eines Textes vollkommen unnötig wäre, das Geschlecht des Autors wissen zu müssen, gehe daraus offensichtlich hervor, dass es absolut keinen Unterschied zwischen den Schriften von Männern und den Schriften von Frauen gebe, oder zumindest ebenso wenige Unterschiede wie zwischen braunäugigen und blauäugigen Autoren. Das würde heißen, dass wir uns um solche Informationen nicht kümmern müssten; sie seien nicht zum Thema gehörig. Mit einem solchen starken Standpunkt bin ich nicht einverstanden: natürlich ist das Geschlecht des Autors, wie alle anderen bibliographischen Aspekte, von einiger Bedeutung. Wenn man ein ganzheitliches Verständnis des Autors erreichen möchte, muss man sicherlich das Geschlecht, aber auch das Alter des Autors kennen, genauso die Ethnizität, wann und wo der Autor oder die Autorin lebte, in welcher Sprache er oder sie schrieb, was für Briefe er oder sie schreibt und warum, ob er oder sie gesund oder krank war, als dieses Buch geschrieben wurde - kurz gesagt: man sollte soweit menschenmöglich recherchieren, weil diese Details alle einen Einfluss auf das Endprodukt haben.  Können wir zum Beispiel wirklich La Petite Fadette von George Sand oder Middlemarch von George Eliot lesen, ohne ihre Pseudonyme zu berücksichtigen? Das damalige Stigma, das in Verbindung mit Autorinnen existierte, oder vielleicht besser gesagt die damaligen Erwartungen, dass Frauen keine seriösen Bücher schreiben könnten oder sollten, sind nicht leichtfertig zu ignorieren. Sie sind ganz im Gegenteil wichtige Elemente der Literaturkritik dieser zwei Romane, wichtige Elemente ihres geschichtlichen Zusammenhangs, und hatten natürlich eine starke Wirkung auf die Entstehung dieser Bücher. Oder wie könnte man The Female Eunuch lesen, als ob es von einem Mann geschrieben worden wäre? Dies vorzugeben wäre völlig sinnlos.
Natürlich heißt das nicht, dass wir alle Bücher, die von Frauen geschrieben werden, nur und immer nur in der gesonderten Kategorie „Frauenliteratur“ aufführen sollten. Man spricht nie von „Männerliteratur“ als Oberbegriff oder von Charles Dickens als „männlichem Autor“; das Wort „Männerliteratur“ existiert im Duden nicht, und dies ist kein Wunder, weil der größte Teil der literarischen Geschichte offenkundig von Männern dominiert ist. Deswegen wäre es eine schreckliche Idee, die zwei Kategorien so krass und bedingungslos zu teilen. Die Werke von Ingeborg Bachmann sind offensichtlich enger mit denen von Martin Heidegger als mit denen von Mechthild von Magdeburg verbunden: wir dürfen Autoren nicht nur aufgrund ihres Geschlechts kategorisieren, sondern auch aufgrund ihrer Geschichtsepoche oder ihrer Themen.
Ist es somit wirklich etwas Unentbehrliches, das Geschlecht des Autors zu wissen? Ist es nur eine relativ interessante Tatsache, interessant aber nicht entscheidend? Kann man Schachnovelle lesen, und die Komplexität der Handlung, den Pathos der Figuren, die Erfahrenheit der Bildsprache nicht fassen, ohne diese einzige kleine Tatsache zur Hand zu haben? Wäre das der Fall, würde das bedeuten, dass es kein richtiges Verständnis des Textes sei, wenn es nur davon abhängt. Was tut es wirklich zur Sache, ob Stefan Zweig männlich statt weiblich war? Oder nehmen wir als ein zweites Beispiel das hervorragende Gedicht Erklär mir, Liebe von Ingeborg Bachmann - ich kann überhaupt nicht glauben, dass jede vernünftige, gut geschriebene Analyse dieses Gedichts das Geschlecht seines Autors erwähnen muss! Auf ähnliche Weise sollte man nicht in jedem Aufsatz über Elfriede Jelinek oder Christa Wolf ständig die Tatsache wiederholen, dass sie „Autorinnen“ im Gegensatz zu „Autoren“ sind. Es wäre überhaupt nicht erforderlich, aber was noch wichtiger ist, ist, dass es einen sehr reduktiven und sexistischen Essenzialismus offenbaren würde.
Manchmal können wir Jelinek oder Wolf als Autorinnen studieren, deren Werke zum Kanon der „Frauenliteratur“ gehören. Manchmal können wir Jelinek als österreichische Autorin oder Wolf as ostdeutsche Autorin studieren. Das Wichtigste ist, dass man etwas Authentisches zu sagen hat, und dass man solche Schriftstellerinnen nicht anders als Schriftsteller behandelt. Das Geschlecht eines Autors ist wie alle anderen bibliographischen Aspekte seines/ihres Lebens: recht interessant, manchmal relevant, aber auf keinen Fall essentiell.

In English:

The question of whether one must know a writer's gender in order to be able to write an essay about their book, or simply in order to review their book, is in reality a different question: do men and women write differently? Of course, this thorny topic, over which feminists and academics of both genders have been debating for an age, is not especially easy to answer, and particularly not coming from a young male student who has in all honesty never properly taken a course on Gender Studies. Nevertheless I want very briefly to gather together my thoughts on this topic and express them, even if only for my own benefit.
If it were completely unnecessary to have to know the gender of an author in order to write an interpretation of their text, then it follows that there is definitively no difference between men's writing and women's writing, or at the very least exactly as little difference as between brown-eyed authors and blue-eyed authors. That would be to say that we shouldn't have to bother ourselves with such information, that it is beside the question. I'm not quite in agreement with such a stark position - for, certainly, the gender of the author (like all other autobiographical aspects) is of some importance. If you want a holistic understanding of the author, you surely have to know the gender, as well as the age, of the author, not to mention their ethnicity, when and where they lived, in what language they wrote, what kind of letters they wrote and why, whether they were healthy or ill when they wrote this particular book - in short, you should research them as far as is humanly possible,  because all of these details have a particular influence over the final product. For instance can we really read La Petite Fadette by George Sand or Middlemarch by George Eliot without taking into account their pseudonyms? The stigma of the age which existed in connection with female authors, or, perhaps better put, the expectations of the age that women simply couldn't and shouldn't write serious books, cannot easily be ignored. They are quite the opposite: quite important elements of our literary criticism of these two novels, important elements of their historical context, and obviously had quite a significant effect on the writing of these books. Or how could one read The Female Eunuch as if it were written by a man? To pretend that would be pointless.
Of course that doesn't mean that we should only ever list all books written by women under the category of "women's writing". We don't talk of "men's writing", after all, not as an umbrella term, or we don't talk of Charles Dickens as a "male author"; the phrase "men's writing" simply won't be found in the dictionary, and no wonder, since the entirety of literary history is a male-dominated field. For this reason it would be an awful idea to divide the two up in such a stark and definitive way. The works of Ingeborg Bachmann are obviously more closely connected with those of Martin Heidegger than those of Mechthild von Magdeburg; we can categorise authors not only on the basis of their gender, but also on the basis of their historical epoch or the themes they deal with.
Is it then indispensable that we know an author's gender? Is it only a relatively interesting fact, interesting but nothing decisive? Can one read Schachnovelle and not be able to grasp the complexity of the plot or the pathos of the characters or the excellence of the imagery, without having this one tiny fact to hand? If that's the case that would say to me that this is no real understanding of the text, if it only hangs on that. What does it matter, if Stefan Zweig was male instead of female? Or we could take as a second example the oustanding poem Erklär mir, Liebe by Ingeborg Bachmann - I simply can't believe that every careful, well-written analysis of this poem has to have mentioned the poet's gender! In a similar way one shouldn't write in every essay about Elfriede Jelinek or Christa Wolf that they are "female authors" as opposed to "authors". It would be unnecessary anyway, but what's more important is that it would reveal a reductive and sexist essentialism.
Sometimes we can write about Jelinek or Wolf as "female authors" whose works belong to the canon of "women's writing". Sometimes we can write about Jelinek as an Austrian writer or about Wolf as an East German. The most important thing is that one has something authentic to say, and that one doesn't treat female novelists as somehow different to male novelists. The gender of an author is just like all other biographical aspects of their life: quite interesting, sometimes relevant, but by no means essential.

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