Saturday, 30 April 2016

Wie wichtig ist Kultur/Popkultur für das Literaturstudium einer Fremdsprache? Kann oder sollte Literatur der einzige Zugang zu einer Sprache und ihrer Kultur sein?

Ich kann überhaupt nicht leugnen, daß ich ein großer Fan von Literatur bin; daß es für mich immer eine der größten Freuden in der Schule war; und daß es eine bedeutende Rolle bei meiner Entscheidung gespielt hat, Deutsch auf der Uni zu studieren. Sicherlich ist Literatur ein sehr wichtiger Aspekt des Fremdsprachenstudiums – eine Tür zu einer anderen Welt, insofern als sie die Gelegenheit bietet, etwas über eine fremde Kultur und eine fremde Geschichte zu erfahren.

Aber man kann auch mit genau der gleichen Sicherheit sagen, daß die Literatur nur eine Tür öffnet, und daß es keinesfalls der einzige Zugang zu einer Sprache und ihrer Kultur ist. Eine Kultur besteht aus unzähligen Kreativwirtschaften: Literatur, Musik, Filme, Theater, Tanz. Sogar die Sportwelt spricht mit einer eigenen Sprache.

Nehmen wir noch als Beispiel Musik, insbesondere die deutsche Musikindustrie. Wenn von deutscher Musik die Rede ist, wäre es urkomisch unrepräsentativ, sich nur auf Klassik zu konzentrieren. In den letzten Jahren hat die Zahl von deutschen Musikern dramatisch erhöht, und natürlich ist die Berühmtheit der deutschen Popmusik nachgezogen. Im Großbritannien, zum Beispiel, ist es nicht mehr unbedingt überraschend, wenn Jugendlichen in den Wembley-Stadion versammeln, um eine Gruppe wie Rammstein live zu erleben. Hip-Hop-Künstler wie Die Fantastischen Vier, Punk-Rock Bands wie Die Toten Hosen, Sänger wie Max Raabe und Liedermacherinnen wie Sarah Connor sind im Ausland nicht immer bedeutunglose Fremdwörter. Immer häufiger wird deutsche Musik in britischen Schulen unterrichtet, um der Unterricht relevanter für die Schüler/innen zu machen. In vielen Fällen lernt man genau so viel von Liedern als von Büchern, auch wenn Kenntnisse einer anderen Art. Rammsteins „Amerika“ geht um Globalisierung, die Wise Guys diskutieren die „anglisierten“ deutschen Sprache in ihrem Lied „Denglisch“ und die Toten Hosen haben Protestsongs sowohl als auch Liebeslieder geschrieben.

Was noch? Die heutigen Welt legt viel Wert auf der Unterhaltungsindustrie, besonders Filme und Fernsehen, und deshalb gibt es keine bessere Methode, deutsche Kultur kennenzulernen. Schauspieler wie Daniel Brühl sind jetzt besonders gut bekannt in der englischsprachige Welt – nach seinem Erfolg in deutschen Filmen wie Die fetten Jahre sind vorbei und Goodbye Lenin! spielte er jetzt in erfolgreichen amerikanisch-britischen Filmen mit – Filmen wie Rush, die faszinierende Geschichte Niki Laudas. Allemanya wird in der Schule als Aufhänger für eine Diskussion über die türkische Minderheit Deutschlands gezeigt, während Das Leben der Anderen (ohne Frage mein Lieblingsfilm auf Deutsch, und vielleicht mein Lieblingsfilm aller Zeit) eine viel heftiger Darstellung der DDR bietet, als man in einem Geschichtsbuch finden kann. Das einzigartig deutsches Phänomen Tatort wird freilich gar nicht so oft im britischen Fernsehen gesendet, aber es bleibt zu hoffen, daß eines Tages Tatort auch eine Fangemeinde in Großbritannien finden wird.

Man könnte auch Theater oder Tanz oder Sport nennen; es gibt unzählige andere Aspekten einer Kultur. Wichtig hier jedoch ist die Frage: was für ein Bild von der britischen Kultur würde eine junge Deutscherin bekommen, wenn sie ständig von Wordsworth oder Shakespeare oder Harold Pinter höre? Wenn sie sie wirklich kennenlernen will, wenn sie ein Verständnis der heutigen britischen Kultur haben will, muß sie auch Harry-Potter-Filme gücken oder die Lieder von Adele hören oder irgendeine kulturelle Veranstaltung besuchen. Diese ist offensichtlich eine rhetorische Frage, weil es in der Wirklichkeit ganz unwahrscheinlich ist, daß ein deutscher Jugendlicher nichts über Harry Potter oder Adele weiß (und dann ist es umso wichtiger, daß wir uns als britische Studenten/-innen ein bißchen mehr Mühe geben, eine fremde Sprache und ihre Kultur zu erlernen. Leider ist diese hochmütige Idee, daß britische Kultur bloß das Beste ist, in unserer Psyche so tief verwurzelt. Es ist dieselbe Arroganz, die die Literatur vor allen anderen Dingen stellt). 

Zum Abschluß, wird es hier deutlich: sowohl im Unterricht als auch im Leben lebt der Mensch nicht von der Literatur allein. Wie kann man ein umfassendes Bild einer Kultur bekommen, wenn man sich nur auf Bücher von alten, weißen, toten Mittelklasse-Männern beschränkt? Wie kann man seinen eigenen Horizont erweitern, ohne ein breites Spektrum von Stimmen zu hören? Und noch wichtiger: warum eigentlich sollten wir zwischen beidem wählen müssen? Ich halte es für weitaus besser, eine Vielfalt von kulturellen Ausdrucksformen zu erfahren – sowohl Schiller als auch Yvonne Catterfeld. Das Beste aus allen Welten.

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